Legaltech ?!?

Seit etwas mehr als einem Jahr beherrscht ein Thema fast alle Tagungen und Konferenzen für rechtsberatenden Berufe: „Legaltech“. Fast wöchentlich werden neue Veranstaltungen angekündigt (und auch durchgeführt), die mit immer weiteren „Neuigkeiten“ zu dieser Thematik um Teilnehmer buhlen.

Leider musste ich zuletzt auf diesen Konferenzen feststellen, „dass alles gesagt wurde, aber noch nicht von jedem“. So neu dieser Thematik auch für manche Juristin/Juristen sein mag, so wenig überraschend ist die zunehmende Technologisierung der anwaltlichen Beratung für die meisten Berufsträger.

Um nicht mehr oder weniger geht es bei „Legaltech“. Die Softwareentwicklung ist nun an einem Punkt angekommen, bei welchem große Teile der „normalen“ Berufstätigkeit eines Juristen (Lösung von rechtlichen Problemen mittels Recherche, Subsumption anhand von mehr oder weniger detaillierten „Checklisten“ und Erstellung von Korrespondenz mit den Beteiligten) durch den Einsatz von Programmen beschleunigt, verbessert und (teil)automatisiert werden können. Was in der Industrie schon seit vielen Jahren überaus erfolgreich praktiziert wird, nämlich die Steigerung der Produktivität durch Effizienzverbesserung der einzelnen Arbeitsprozesse ist nun mittels Software auch in der anwaltlichen Beratung möglich.

Was bedeutet dies nun für den Rechtsmarkt konkret?

Natürlich werden auch in Zukunft „menschliche“ Anwältinnen und Anwälte gebraucht, schließlich handelt es sich bei Beratungsdienstleistungen, neben all der Möglichkeiten der Standardisierung und Automatisierung, immer noch um ein „People-Business“, für dessen Erfolg auch die zwischenmenschliche Kommunikation eine gewichtige Rolle spielt. Jedoch wird sich das Berufsbild und die anwaltliche Tätigkeit selbst im Vergleich zu heute stark verändern. Bei der Beurteilung, wie „Legaltech“ die anwaltliche Berufsausübung verändern wird, sind die unterschiedlichen Kanzleistrukturen, insbesondere die Kanzleigröße und -damit meist einhergehend- die Beratungszielgruppe zu berücksichtigen.

Kleinkanzleien (1-7 Berufsträger)

Beim Einzelanwalt oder kleineren Sozietäten (immer noch die dominierende Organisationsstruktur aller Kanzleien in Deutschland), wird sich „Legaltech“ im Form von „Plattformangeboten“ z.B. FlightRight, MyRight, wenigermiete.de, geblitzt.de etc., zunehmend als direkter Konkurrenz etablieren. Auf Grund der hohen Effizienz der -auf spezielle Sachverhalte spezialisierten- Onlineangebote werden mit hoher Wahrscheinlichkeit einige „Butter-und -Brot“ Erwerbsmöglichkeiten dieser Kleinkanzleien zukünftig nicht mehr in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen. Insbesondere der s.g. „Wald-und-Wiesen“-Anwalt mit einem weit gefächerten Beratungsangebot wird die neuen Player stark zu spüren bekommen. Ohne eine umfassende Überarbeitung ihrer Geschäftsausrichtung und Kanzleiorganisationen werden viele dieser Einheiten zukünftig es sehr schwer haben, sich weiter auf dem Markt zu behaupten.

Mittelständische Einheiten / Großkanzleien

In größeren Kanzleiorganisationen mit deren Fokussierung auf Unternehmensmandate und entsprechenden Beratungsthemen (z.B. M&A) sind die oben genannten Plattformen als direkte Konkurrenz weniger ein Problem. In diesen Einheiten wird sich jedoch durch „Legaltech“ die Art und Weise, wie Mandate zukünftig bearbeitet werden, grundlegend verändern. Auch das bislang dominierende Abrechnungsmodell der Tätigkeiten auf Stundenbasis wird durch den Einsatz von immer mehr Technologie bei der Bearbeitung auf Dauer in der bisherigen Form keinen Bestand mehr haben. Auch die Mandate selbst werden -noch mehr als bisher- technologische Aspekte besitzen (Stichwort: smart contracts). Ohne eine Veränderung in der Organisationsstruktur und dem Beratungswissen der einzelnen Berufsträger werden es selbst große Kanzleien sehr schwer haben, ihre Bedeutung auch in Zukunft zu behalten.

In meinem Blog werde ich in weiteren Beiträgen sowohl auf die neuen Akteure auf dem Rechtsmarkt eingehen, die mittels Softwaretechnologien sich ein Stück vom Beratungskuchen abschneiden wollen, als auch von neuen Programmen und Lösungen berichten, mit welchen die Anwaltschaft ihre bisherige Beratungspraxis verbessern, verändern oder ausbauen können.