Impressionen von der ILTACON 2018

Dieses Jahr fand die ILTACON Konferenz, welche als die wichtigste Veranstaltung weltweit für LegalTech und Innovationen für den Rechtsmarkt gilt, vom 19. bis zum 23. August in Washington statt.

Mehr als 4.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen besuchten neben den angebotenen Vorträgen und Seminaren auch den Ausstellungsbereich, auf welchen fast 200 Unternehmen ihre Applikationen und Services für den Rechtsmarkt präsentierten. SMASHDOCs war als eines von 8 Startups von den Veranstaltern eingeladen worden, im so genannten Startup-Hub unsere Lösung für schnellere und einfachere kollaborative Dokumentenerstellung und -Bearbeitung für die Rechtsbranche vorzustellen. Es waren erfolgreiche und informative Tage mit vielen interessanten Gespräche mit Vertretern von Kanzleien und Rechtsabteilungen.

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Im Gegensatz zur LegalTech (nun Legalweek) in New York, welche sehr eDiscovery-lastig, und daher nur begrenzt informativ für den deutschen Rechtsmarkt ist, war auf der ILTACON das Angebotsspektrum der präsentierten Lösungen erheblich breiter „aufgestellt“. Von großen Case-Management-Anbietern, über Dokument-Management-Unternehmen bis hin zu Dokument-Assembly-Herstellern und Startups für Content-Review-Services waren fast alle wichtige „Player“ vertreten.

Was waren nun die Trends auf der ILTACON 2018?

“Move to the cloud”

Die bereits seit längerem anhaltende Tendenz, dass bisherige On-Premise-Lösungen mehr und mehr in die Cloud „migrieren“ hält weiter an, bzw. nimmt weiter Fahrt auf. So gut wie kein Anbieter hat nur noch Desktopsoftware, oder nur lokal zu installierende Applikationen im Portfolio.

Leistungserfassung und Rechnungsanalyse

Trotz der Vorhersage, dass Abrechnungen auf Stundenbasis aussterbend sind, kommen immer mehr „intelligente“ Tools für Leistungserfassung (z.B. Ping) und Leistungs-/Rechnungsanalyse (z.B. Apperio, diese haben gerade eine 10 Mio $ Serie A Finanzierung erhalten) auf dem Markt.

Einsatzszenarien von Legaltech-Lösungen

Auf der Konferenz war ein realistischerer Umgang mit dem Thema „Digitalisierung des Rechtsmarktes = LegalTech“ spürbar.

Bei meinen Gesprächen mit anderen Anbietern und Teilnehmern war – im Gegensatz zu vergleichbaren Veranstaltungen in den vergangenen Jahren- weder die Rede davon, dass LegalTech die Rechtsberatung in absehbarer Zeit vollkommen „auf den Kopf stellen wird“, Stichwort: Robolawyer, noch dass es sich bei es sich bei der Digitalisierung lediglich um ein Hypethema handle, dass bald wieder „verschwinde werde“.

Stattdessen hatte ich den Eindruck, dass sowohl Inhouse-Counsel, als auch die Anwaltschaft in den USA und Canada zusehens die Vorteile von LegalTech-Lösungen erkennen und auch bereit sind, mit diesen ihre bestehenden Arbeitsprozesse zu verbessern, umzugestalten und/oder komplett neue Services anzubieten.

Aus diesem Grund standen auf dieser ILTACON besonders Lösungen im Fokus der Besucher, die schon jetzt ihre praktische Einsatzfähigkeit bewiesen haben. Applikationen zur automatischen Dokumentenerstellung, – bearbeitung, Contractmanagenent und Emailhandling waren besonders nachgefragt.

Plattformarchitektur

Ein weiterer Trend war (auch) in diesem Jahr die zunehmende „Plattformisierung“ der angebotenen Softwarelösungen.

Die Zeiten, in denen Anbieter mit eigener gekapselter Software versuchten, als alleinige Softwarelieferanten für eine Kanzlei Lösungen für alle Anforderungen bereitzustellen sind, mehr und mehr passé. Vielmehr werden zusehens dezentralisierte, über standardisierte Schnittstellen (REST-APIs) verknüpfbare Softwarelösungen veröffentlicht, welche auf nur einen bestimmten Teilbereich der anwaltlichen Arbeitsprozesse fokusiert sind und bei Bedarf in bereits vorhandenen Applikationen bei der Kanzlei leicht integriert werden können.

Große Anbieter öffnen hierzu ihre bestehenden Lösungen um so genannte „Marktplaces“ oder öffentlich zugängliche und dokumentierte Schnittstellen, so dass eine Anbindung von Drittanbieterkomponenten teilweise von der Kanzlei selbst erledigt werden kann.

Eine solche Verknüpfung mit Drittangeboten mit dem „Segen“ der grossen Player am Markt wäre noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen.

Beispiele für den Einzug von Plattformangeboten sind der AI Hub von HighQ zur Integration unterschiedlicher Systeme zu Datenanalyse mittels KI in die HighQ Solutions oder der Clio Marketplace, der die Einbindung von Drittanbieterapps in das Case-Managementsystem von Clio ermöglicht.

Auswirkungen auf den deutschen Legaltechmarkt

Die USA gelten ja, was das Thema LegalTech angeht, als Vorreiter mit einigen Jahren Vorsprung.

Betrachtet man die Trends und Neuerungen auf der diesjährigen ILTACON so denke ich, dass -„rechnet“ man die “Spezialitäten”  amerikanischen Rechtssystem heraus- vor allem die zunehmende „Dominanz“ von Plattformlösungen auch hierzulande die bestehende Softwarelandschaft für die Rechtsberatung erheblich verändern wird.

Die bisherigen „Platzhirsche“ werden es zukünftig deutlich schwerer haben, ihre marktbeherrschende Position mit dem bisherigen Ansatz “One solution fits all” weiter zu behaupten, da “zusammengestellte” Systeme aus hochspezialisierten Einzelkomponenten, die Daten gemeinsam über standardisierte Schnittstellen teilen und austauschen können, erheblich effizienter, und auch besser an die unterschiedliche Bedürfnisse von Kanzleien und Rechtsabteilungen anpassbar sein werden.

Des weiteren wird der Trend zu cloudbasierten Lösungen (die wahlweise bei großen Cloudprovidern, aber auch On-Premise betrieben werden können, Stichwort Dockertechnologie) dazu führen, dass die bisherige deutschen Softwareproduzenten im anwaltlichen Umfeld (fast alle bieten derzeit im Schwerpunkt native Desktopsoftware an) in nicht zu ferner Zukunft vor der Wahl stehen werden, entweder ihre Anwendungen mehr oder weniger komplett neu zu entwickeln, oder an Marktrelevanz deutlich einzubüßen.